
Als Hundephysiotherapeutin begleite ich regelmäßig Menschen, deren Hunde alt, krank oder pflegebedürftig geworden sind. Dabei erlebe ich immer wieder dieselben Fragen, dieselben Sorgen und dieselben Schuldgefühle.
Seit diesem Jahr kenne ich diese Gedanken noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive. Denn wir mussten uns von unserer Hündin Berta verabschieden.
Dieser Beitrag soll nicht von Diagnosen oder Therapien handeln. Er soll von etwas sprechen, worüber oft viel zu wenig gesprochen wird: davon, wie intensiv, belastend und gleichzeitig liebevoll die Begleitung eines alten oder kranken Hundes auf seinem letzten Lebensabschnitt sein kann.
Zehn gemeinsame Jahre mit Berta
Berta zog mit geschätzten vier bis sieben Jahren bei uns ein. Zehn Jahre lang durften wir sie begleiten.
Sie brachte einige gesundheitliche Baustellen mit: beidseitige Ellbogenarthrose, einen Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule und das Cauda-Equina-Kompressionssyndrom. Besonders das letzte Jahr war geprägt von einem ständigen Auf und Ab.
Mal lahmte sie vorne, mal fehlte ihr die Kraft in der Hinterhand. Es gab Tage, an denen sie erstaunlich fit wirkte, und Tage, an denen ich mich fragte, wie lange ihr Körper diesen Weg noch mitgehen würde.
Als Physiotherapeutin wusste ich genau, welche Einschränkungen ihre Erkrankungen mit sich brachten. Ich konnte sie behandeln, unterstützen und ihr vieles erleichtern. Aber ich konnte sie nicht gesund machen.
Und das war manchmal schwer auszuhalten.
Liebe und Erschöpfung dürfen gleichzeitig existieren
Unser Alltag drehte sich zunehmend um Bertas Bedürfnisse.
Besonders schwer war für mich, mitanzusehen, dass sie ihren Kotabsatz irgendwann nicht mehr richtig kontrollieren konnte. Viele Nächte standen wir mehrfach gemeinsam auf. Ich begleitete sie in den Garten und hoffte, dass sie sich dort lösen konnte.
Oft stand sie dann unter dem Sternenhimmel und schien vergessen zu haben, warum sie überhaupt aufgestanden war. Dann ging sie wieder ins Haus und kurze Zeit später passierte doch noch ein kleines Missgeschick.
Für mich war das nie ärgerlich. Aber es hat mir im Herzen weh getan, zu sehen, dass sie diese Kontrolle verlor und wie sehr diese Situationen sie manchmal verwirrt haben.
Ich musste hilflos mit ansehen, wie mein geliebter Hund immer mehr Fähigkeiten verliert. Und ich habe gespürt, wie sehr mich all das Kraft kostet und wie sehr mich das alles mental an meine Grenzen bringt.
So zu fühlen, bedeutet nicht, dass man seinen Hund weniger liebt. Es bedeutet lediglich, dass man ein Mensch ist.
Die schwerste Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Was mich emotional am meisten belastet hat, war das ständige Schwanken zwischen guten und schlechten Tagen.
An manchen Tagen hatte Berta morgens kaum Kraft aufzustehen. Nachmittags wollte sie dann wieder fröhlich ihre kleine Runde laufen oder lag zufrieden in der Sonne.
Genau diese guten Momente machen Entscheidungen oft so schwer. Denn sie zeigen, dass Lebensfreude noch da ist.
Wer noch nie einen alten oder schwer kranken Hund begleitet hat, stellt sich häufig vor, dass es einen klaren Zeitpunkt gibt, an dem alles eindeutig wird.
Meine Erfahrung ist eine andere. Oft verläuft der Abschied nicht geradlinig. Es geht nicht jeden Tag ein kleines Stück bergab. Es gibt gute Tage, schlechte Tage und Tage irgendwo dazwischen. Und genau deshalb hadern so viele Menschen in dieser Situation mit sich selbst.
Wenn andere es besser wissen
Was ich sowohl bei meinen Kunden als auch bei mir selbst erlebt habe, sind die ungefragten Meinungen von außen.
Menschen sehen oft nur einen einzigen Moment. Vielleicht einen Spaziergang, an dem der Hund gerade schlecht läuft. Vielleicht eine Situation, in der er unsicher wirkt oder Unterstützung benötigt.
Was sie nicht sehen, sind die vielen Stunden davor und danach. Sie sehen nicht die Lebensfreude, die vielleicht noch vorhanden ist. Sie kennen nicht die guten Tage, die vertrauten Rituale und die kleinen Dinge, die dem Hund noch immer Freude bereiten.
Deshalb habe ich es manchmal als sehr übergriffig empfunden, wenn Menschen ungefragt beurteilen wollten, ob das Leben meines Hundes noch lebenswert sei. Nicht, weil diese Menschen böse Absichten hatten. Sondern weil niemand außer den Menschen, die den Alltag mit dem Hund teilen, wirklich die gesamte Situation kennen.
Wir können unsere Hunde nicht fragen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Wir können nur beobachten, fühlen, zuhören und jeden Tag aufs Neue abwägen.
Ich habe immer wieder mit mir gehadert. Mit dem Gefühl, ständig zwischen meinem Beruf, meinem Privatleben und den Bedürfnissen meines Hundes zu stehen. Nicht genug für Berta da sein zu können, ihr nicht die gemeinsame Zeit geben zu können, die ich so gern mit verbracht hätte.
Ich habe oft geweint, wenn Berta morgens nicht mehr die Kraft hatte, auf allen vier Beinen zu stehen. Und immer dann, wenn ich dachte, jetzt müsse ich vielleicht beim Tierarzt anrufen, überraschte sie mich wenige Stunden später wieder mit ihrer Lebensfreude.
Ich hatte oft das Gefühl, dass kaum jemand wirklich nachvollziehen konnte, wie unser Alltag aussah. In dieser Zeit wollte ich auf die Frage, wie es mir geht, nicht mehr ehrlich antworten. Denn manchmal möchte man in solchen Situationen gar keine Ratschläge hören. Man möchte einfach nur jemanden, der versteht, wie schwer dieser Weg gerade ist.
Die Menschen, die ich begleiten darf
In meiner Arbeit durfte Menschen kennenlernen, die Unglaubliches für ihre Hunde leisten.
Besonders berührt mich die Geschichte eines Kunden, den ich längere Zeit begleiten durfte. Weil seine alte Hündin die steile Treppe zur Wohnung nicht mehr bewältigen konnte und nachts mehrfach hinaus musste, zog er mit ihr dauerhaft auf einen Campingplatz. Dort wohnten sie in einem Wohnwagen mit einem kleinen Garten und ohne Treppen. Die Hündin konnte dort ihren Lebensabend in Ruhe genießen und beide hatten dort noch ein richtiges gutes gemeinsames Jahr.
Der Abschied von Berta
In der Nacht zum 1. Mai hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass etwas anders war. Ich kann es bis heute nicht genau beschreiben. Aber tief in mir wusste ich, dass Berta bereit war.
In dieser Nacht entwickelte sie schwere blutige Durchfälle. Am nächsten Tag mussten wir sie in der Klinik erlösen lassen. Vermutlich war ein Tumor geplatzt. So schmerzhaft dieser Moment war, fühlte er sich gleichzeitig richtig an.
Warum meine Trauer vielleicht anders aussieht
Heute fehlt mir Berta jeden Tag.
Und gleichzeitig merke ich, wie erschöpft ich war. Ich schlafe wieder durch. Ich muss keine besorgten Blicke oder Kommentare mehr aushalten.
Erst jetzt wird mir bewusst, wie viel Kraft die intensive Betreuung über so lange Zeit gekostet hat. Vielleicht wirke ich deshalb auf manche Menschen nicht traurig genug. Vielleicht erwarten einige mehr Tränen. Aber Trauer hat viele Gesichter.
Ich habe das große Glück, dass bisher meine Hunde ein hohes Alter erreicht haben. Und jedes Jahr, wenn ich an Weihnachten unsere Hunde vor dem Weihnachtsbaum fotografiere, kommt der Gedanke auf, ob wir im nächsten Jahr noch in derselben Konstellation dort stehen werden.
Der Abschied von Berta kam nicht überraschend. Schmerzhaft war er trotzdem.
Dankbarkeit
Mir fehlen meine Hunde alle. Jeder einzelne. Mit seinen wunderbaren Eigenheiten, seinen Macken und seinem ganz eigenen Charakter.
Aber wenn ich an sie denke, überwiegt neben der Trauer vor allem die Dankbarkeit.
Dankbarkeit dafür, dass sich unsere Wege gekreuzt haben. Dankbarkeit für die wunderschönen gemeinsamen Jahre.
Ich wünsche mir, dass wir aufhören, die Trauer anderer Menschen zu bewerten.
Nicht jeder weint sichtbar. Nicht jeder möchte lange alleine bleiben. Manche Menschen lassen schnell wieder einen Hund in ihr Leben, andere erst Jahre später. Nichts davon sagt etwas darüber aus, wie groß die Liebe war.
Trauer ist kein Wettbewerb. Und Liebe lässt sich nicht an der Anzahl der Tränen messen.
Für alle, die gerade diesen Weg gehen
Wenn du gerade einen alten, kranken oder pflegebedürftigen Hund begleitest, möchte ich dir etwas mitgeben:
Du darfst traurig sein. Du darfst erschöpft sein. Du darfst manchmal auch wütend auf die Situation sein. Und du darfst darauf vertrauen, dass niemand deinen Hund so gut kennt wie du.
Hole dir Unterstützung bei deinem Tierarzt oder bei Menschen, denen du vertraust. Aber lass dich nicht von ungefragten Meinungen auf der Straße, in sozialen Medien oder im Bekanntenkreis verunsichern.
Ich weiß, wie oft man nachts wachliegt und sich fragt, was richtig ist.
Ich weiß, wie schwer diese Verantwortung sein kann.
Und ich weiß, wie viel Liebe hinter all diesen Gedanken steckt.
Manchmal stelle ich mir vor, dass Anton und Lola auf der anderen Seite bereits auf Berta gewartet haben. Ob das wirklich so ist, weiß ich nicht. Aber der Gedanke tröstet mich.




